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Drei kurze Auszüge aus "Die Geschichte der Unschärfe":
Wohlstandsunschärfe ...Der schöne Schein der Unschärfe in vielen Werbeanzeigen läßt den Konsum als ein Vergnügen ohne (unangenehme) Konsequenzen erscheinen; suggeriert wird, es gebe nichts anderes mehr als 'light products'. Diese Entwicklung folgt dem bekannten Wohlstandsphänomen, wonach es vielen mittlerweile eher um das Kauferlebnis – den Spaß beim Konsum – als um den Kaufnutzen geht. Und was könnte ein solches Erlebnis verlockender in Aussicht stellen als weichgezeichnete, ins Imaginäre verschwebende Produkte? Sie wirken, als könne man mit ihnen eine Portion Energie oder Emotion kaufen, sich mit positiven Kräften auftanken, ohne eine Verpflichtung eingehen oder sich auf etwas festlegen zu müssen. Erstaunlich ist die Veränderung, die sich in der Fotografie von Speisen und Gerichten in den 1990er Jahren ereignet hat. Die Rezept-Seiten in Frauen- und Lifestyle-Zeitschriften, aber auch etliche Kochbücher sind nicht mehr mit scharf fotografiertem Essen bebildert, sondern zeigen dieses - teils bis zur Unkenntlichkeit – überbelichtet, verwischt und weichgezeichnet. Unnatürlich helle, oft gelbstichige Farben und Lichtreflexe signalisieren Power und Frische, das Sfumato läßt die Kalorien wegschmelzen und alles schwerelos erscheinen, Bewegungsunschärfe schließlich verleiht der Abbildung den Anstrich von Spritzigkeit. Die lange Zeit noch vorherrschende Ästhetik des Wirtschaftswunders, als jede Pore des Sonntagsbratens und der Glanz des Fetts so scharf wie möglich abgelichtet wurden, ja als zu sehen sein sollte, wie üppig und solide eine Mahlzeit war, hat sich somit endgültig überlebt. Statt des Nährwerts wird mittlerweile lieber der Erlebnischarakter des Essens inszeniert; man zeigt keine Portionen mehr, sondern eine wohlige Atmosphäre, meidet das Handfeste und sucht die Verfremdung. Das weckt die Erwartung, beim Essen nehme man vor allem eine interessante, so noch nie erlebte Stimmung zu sich und komme in den Genuß eines emotionalen Kicks. Dickwerden ist hier ausgeschlossen...
Sehnsuchtsunschärfe ...Vor allem in der Werbeästhetik wird häufig mit Spielarten der Unschärfe gearbeitet. Je weicher gezeichnet ein Bild ist, desto mehr eignet es sich auch als Projektionsfläche für die Gedanken und Wünsche des Betrachters, den es dann dazu verleitet, ein wenig zu träumen. Unversehens ist man bereit, einem unscharf abgebildeten Artikel viele vorteilhafte Eigenschaften zu attestieren. Dabei wird in der Anzeige konkret nichts versprochen, es wird nicht einmal übertrieben – und im Fall späterer Desillusionierung kann der Kunde keine Mängelrüge geltend machen, sondern müßte die Schuld bei sich selbst suchen: Die Unschärfe ließ ihn zum Idealisten werden, der mehr in eine Abbildung hineinphantasierte, als von irgendeinem Produkt gehalten werden konnte. Zumal in Branchen, in denen Marken zu kultischen Größen aufgestiegen sind, spielt diese Wirkung der Unschärfe – der Weichzeichnung – eine große Rolle. Ein Artikel wird dort nämlich nicht nur wegen seines Gebrauchswerts oder des in ihm verarbeiteten Know-How gekauft, sondern er bezieht seine Attraktivität auch daraus, Repräsentant der Marke zu sein. Da das einzelne Stück freilich jeweils nur ein kleiner Ausschnitt aus der Gesamtmarke ist, wird es ähnlich einer Reliquie – als materielle Spur – behandelt, die zugleich auf das ideelle Ganze verweist. Diesem Doppelcharakter von Markenartikeln entspricht es, wenn man sie in einer kleinen Zone scharf abbildet, sonst aber pastellig auflöst oder in Unschärfe verfließen läßt. Während die scharfe Stelle die reale Existenz der Marke beglaubigt und Auskunft über die irdische Verfaßtheit des Produkts gibt, suggeriert die Weichzeichnung, das Abgebildete gehöre der kostbaren Klasse spiritueller Güter an. Es scheint sogar, als gebe die Ware nur ein Gastspiel in der materiellen Welt und sei eigentlich, mit all ihrem Fluidum, in einer höheren Dimension zuhause. Man könnte sich einbilden, der Markenartikel steige erst im Moment der Fotografie aus jener Dimension herab und sei noch nicht ganz angekommen – fremd in einer profanen Umgebung. Einen solchen Artikel zu kaufen, mutet dann ähnlich faszinierend an wie ehedem der Erwerb von Objekten aus fernen Kulturen. Vermittelten sie dem Konsumenten die Illusion weiter, phantastischer Reisen, so sind es heute exquisite Markenartikel, die die Aura einer exotischen Frucht besitzen. Werden sie unscharf fotografiert, erscheinen sie angemessen geheimnisvoll – dem Alltäglichen enthoben, da es keine Details zu sehen gibt, die an die bekannte Welt erinnern...
Authentizitätsunschärfe ...Zudem besitzt ein unscharfes Foto den Vorzug, als authentisch angesehen zu werden. Man vermutet, es sei der – unbeholfene und eben deshalb ehrliche – Schnappschuß eines Hobbyfotografen – ein Bild, das frei von Kalkül oder Verwertungsinteressen entstanden ist. [...] Wie schon UFO-Bilder ihre Legitimation daraus beziehen, daß sie gleichsam mit zitternden Händen fotografiert wurden, steigert es die Authentizität erst recht, wenn ein Foto Hektik vermittelt, also stark verwackelt ist oder gegen alle Regeln der Komposition verstößt. Dann scheint der Fotograf nicht nur Beobachter einer extremen Szene gewesen zu sein, sondern selbst in das Geschehen involviert, das er dokumentiert. Eventuell befand er sich sogar in akuter Gefahr, als er fotografierte – und entsprechend erwartet er nun, als Held bewundert zu werden. Besonders wichtig kann die authentische Geste eines Bilds innerhalb der politischen Fotografie werden, da damit Emotionen zu wecken sind, die Treibstoff für Agitation liefern. [...] Unscharf suggeriert: Hier war jemand schneller und näher dran als andere. Als Medium der Unmittelbarkeit wird die Unschärfe zu einem Wahrheitsfaktor – zur Spur des dokumentierten Geschehens selbst. Anstatt Teil eines Abbilds zu sein, ist die Unschärfe wie ein Eingriff in das Foto: Das Ereignis stört seine eigene Wiedergabe und ist damit direkt präsent. Im Extremfall löscht es sein eigenes Abbild aus oder läßt es gar nicht erst entstehen. [...] Freilich bedeutet es einen Unterschied, ob ein Foto von vornherein unscharf war oder ob es im Lauf der Zeit ausgeblichen ist. Im ersten Fall bleibt vor allem der Moment der Aufnahme – das fotografische Geschehen – präsent; hingegen dominiert sonst der Eindruck des Reliquialen. Beides sind Grenzfälle, ist das Sujet doch einmal gerade noch eingefangen und festgehalten, im anderen Fall gerade noch nicht (wieder) verschwunden. Und wie sich einmal das Fotografierte dramatisch inszeniert, wird beim anderen Mal die Vergänglichkeit zum Drama. Ähnliches kann eine extreme Vergrößerung bewirken, durch die – man denke an Antonionis Film Blow Up – die Details zunehmend verschwimmen: Dann wird bewußt, wie vieles – vielleicht Entscheidendes – einer Szene nicht fixiert werden konnte und für immer verloren ist. Je stärker man einen Ausschnitt vergrößert, in der Hoffnung, doch noch einige Einzelheiten sichtbar zu machen, desto weiter zieht sich das Foto ins Reich der Indifferenz zurück...
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