Verschwommen, lieber Freund, ist alle Theorie

Vom unliebsamen Nebeneffekt langer Belichtungszeiten zur Ikone des Luxuslebens: Wolfgang Ullrich fixiert die Geschichte der Unschärfe

 Die Kamera rückt der Hauptdarstellerin zu nah. Ihr weizenblondes Haar flammt überbelichtet in der mediterranen Mittagssonne. Eine verwackelte Einstellung zeigt ein türkisfarbenes Bikinioberteil, das im Wagen des Ex-Lovers liegen geblieben ist. Dominik Grafs preisgekrönter Spielfilm "Der Felsen", der die Geschichte einer Trennung erzählt, spielt souverän mit dem Stilmittel der Unschärfe. Unscharfe Bilder sind hip und das nicht nur im Kino. Die Anhänger der Lomographie lieben psychedelische Lichteffekte und flüchtige Alltagsmotive. Sie knipsen Fotos mit technisch primitiven Kameras russischer Provenienz, die als Kultobjekte gelten.

Wolfgang Ullrich, promovierter Philosoph und Unternehmensberater, hat den Trend zur Unschärfe am Bilderhimmel der Gegenwart zum Ausgangspunkt einer aufschlussreichen Abhandlung gemacht. Sie rekonstruiert die kulturhistorischen Hintergründe der Erfolgsgeschichte eines Stilmittels und seiner wechselnden ideologischen und ästhetischen Legitimierungen. Warum, so die Ausgangsfrage, sind Bilder so populär, auf denen fast nichts zu erkennen ist?

In zwölf Kapiteln führt Ullrich durch die Zeit und die verschiedenen Bildmedien. Die Ästhetik der Unschärfe wurde zuerst in der romantischen Landschaftsmalerei zum Thema. Auf der Leinwand sollten Raum, Materie und Zeit miteinander verschmelzen, um dem Betrachter Transzendenzerfahrungen zu ermöglichen. Caspar David Friedrich führte die neue Bildsprache in seinem Gemälde 'Der Mönch am Meer' zu früher Vollendung. Die Technik abbildgenauer Fotografie provozierte seit etwa 1840 einen neuen Diskurs. Eine ganze Reihe von Fotografen konterten den häufig von Malern geäußerten Vorwurf der geistlosen Oberflächlichkeit mit dem Einsatz von Unschärfe-Effekten. Um 1900 war diese künstlerische Fotografie, die man im Amerika und England 'pictoralism' nannte, zur Mode geworden. Die neue Technik profitierte von der Aura des Wunderbaren und bediente die Lust am Okkultismus. Geisterfotografien hatten Konjunktur und galten als durchaus glaubwürdig.

Die Unschärfe-Welle führte zu einem frühen 'crossover' der Gattungen. Der Amerikaner Edward Steichen etwa fertigte eine Porträtserie von Auguste Rodin an. Steichen setzte die künstlerische Fähigkeit des Bildhauers als rein geistige Leistung ins Bild. Die Skulpturen wirkten auf den Fotografien wie bloße Schemen. Die Beliebtheit der Unschärfe zu Beginn des letzten Jahrhunderts, so Ullrich, verweist auf den antimodernistischen Affekt der Moderne, die sich den Phänomenen der realen Lebenswelt längst nicht immer stellen wollte.

Mehr und mehr wandte sich die Aufmerksamkeit der Kunsttheorie vom Sujet der Wahrnehmung ab und dem Wahrnehmungsprozess selbst zu. Unschärfe-Techniken galten als geeignetes Mittel, um Sinnesreaktionen möglichst unverfälscht in die Bildsprache zu übersetzen. Bis heute verwenden Filmemacher unscharfe Sequenzen, um Rückblenden oder Träume darzustellen. Eine weitere stilistische Facette kam mit der Bewegungsunschärfe hinzu – ursprünglich ein unliebsamer Nebeneffekt langer Belichtungszeiten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Fotomaterial empfindlich genug, um Bewegungsabläufe festzuhalten. Mit Fotografien, die zugleich unscharf und doch detailgenau einzelne Bewegungsphasen abbildeten, idealisierten Futuristen wie der Italiener Anton Bragaglia das Tempo, den Lärm und die Hektik einer durch neue Fortbewegungsmöglichkeiten beschleunigten Welt.

Im historischen Längsschnitt wirkt Ullrichs Abhandlung über längere Strecken hinweg eigentümlich statisch. Dies liegt daran, dass die Unschärfe im Grunde seit ihrer Entdeckung und ihrer Aufwertung zum ästhetischen Prinzip stets eine doppelte Valenz hatte und bis heute hat: Unschärfe in der Malerei oder in der Fotografie kann eingesetzt werden, um der hektischen, die Sinne überfordernden Gegenwart zu entfliehen und im Auge des Betrachters ein verklärtes Idyll zu evozieren. Andererseits versucht man etwa mittels der Bewegungsunschärfe der pulsierenden, lebendigen Gegenwart möglichst nahe zu kommen. Zwischen diesen beiden Polen – Weltflucht einerseits und Suche nach der größtmöglichen Lebensnähe andererseits – webt Ullrich sein kulturhistorisches Interpretationsgeflecht.

Je näher er der Gegenwart kommt, desto mehr zieht seine Analyse in den Bann. Heute prägen die vielfältigen Möglichkeiten der Bildmanipulation, ein Pluralismus der Stile und inflationäre Bildermengen unsere Sehgewohnheiten. Als fest etabliertes Stilmittel stehen Unschärfetechniken im Bildjournalismus für Sensation, Drama und Katastrophe. Die verwackelten Aufnahmen von der ersten Mondlandung oder von angeblichen UFOs sind paradigmatische Motive des vergangenen Jahrhunderts. In Ullrichs präziser Diktion heißt dies: Solche und ähnliche Bilder verweisen auf Ereignisse, die die eigene Wiedergabe stören und gerade dadurch präsent sind.

Die gegenwärtige Renaissance der Unschärfe deutet Ullrich scharfsichtig als optische Verbrämung eines neoliberalistisch geprägten Lebens- und Gesellschaftsmodells. Unscharfe Bilder haben aufgrund ihrer vielfachen Besetzbarkeit und ihrer leichten Konsumierbarkeit einen hohen marktwirtschaftlichen Nutzwert. In der Werbung appellieren sie vor allem an die Kauflust einer exklusiven Zielgruppe junger, gutverdienender und ästhetisch versierter Menschen.

Den Strom verwackelter, weich gezeichneter Bilder liest Ullrich als durch und durch gegenwartsbejahende "Ikonographie des guten Lebens", die für Bewegung, Erfolg, Fitness und Luxus steht. Sie funktioniert selbstreferentiell, denn ihre Produzenten und Rezipienten gehören zu den Privilegierten unserer Gesellschaft, die am easy living partizipieren. Wer heute in einem der vielen Lifestyle-Magazine ein unscharfes Bild betrachtet, wird kaum das mangelnde Geschick des Fotografen assoziieren. Im Gegenteil: er oder sie wird sich bewusst oder unbewusst zu denjenigen zählen, die auf der richtigen Seite stehen und die Zeichen der Zeit zu lesen im Stande sind.

 Gundula Bavendamm

 (Süddeutsche Zeitung vom 6. November 2002, Literaturbeilage S. 6)

 

 

Schmeichelein fürs gereizte Auge


Wolfgang Ullrich folgt den Moden der Unschärfe in Kunst und Fotografie durch die Jahrhunderte

Der Winter ist die große Zeit der Kurzsichtigen. Nichts ist schöner als ein im Vagen verschwimmendes Lichtermeer, nichts rührt das Herz mehr als eine unscharf gesehene Kerze, deren Schein gleißende Lichtfäden zieht. Allerdings gibt sich in Zeiten der Wegwerflinse kaum noch jemand den Freuden der Unschärfe hin: Wer schlecht sieht, ist zu langsam für den rasenden Reizwechsel der modernen Welt.

Während die Menschen in der westlichen Welt also schärfer sehen denn je, ist gleichzeitig das Mittel der Unschärfe in den Bilder der Medien so beliebt wie nie. Vom Lifestyle-Magazin bis zur Tageszeitung, alle drucken gern und bewusst unscharfe Bilder. Das ist die Ausgangsbeobachtung des Büchleins Die Geschichte der Unschärfe von Wolfgang Ullrich. Der Kunsthistoriker beschreibt darin nicht nur die verschiedenen Anwendungen verwischter Konturen als visuelles Stilmittel, sondern verankert sie auch in der jeweils herrschenden Kunsttheorie und Mentalität.

Bereits in der Malerei gab es immer wieder Tendenzen, die Konturen aufzulösen, das Sfumato bei Leonardo, Rembrandts Kunst, die Interieurs im Dunkel verschwimmen zu lassen, Turners expressive Seestücke; doch das Begriffspaar "scharf" und "unscharf" ist, so Ullrich, fest an die Technik der Fotografie gebunden. Trotzdem verortet er die Anfänge der Ideen, die schließlich zur Entwicklung einer "unscharfen Richtung" in der frühen Fotografie führten, dreißig Jahre vor der Entstehung der ersten Daguerrotypien. 1808 nämlich forderte Adam Müller (eigentlich Nationalökonom) in einem Aufsatz über Landschaftsmalerei von ebendieser, dass sie vor allem den Fernblick abbilden möge, in dem die Umrisse weicher, die Farben sanfter würden und schließlich ineinander flössen: Wie in einem harmonischen Grundakkord solle die Landschaft dem überreizten Auge schmeicheln und ein gelassenes Schauen ermöglichen. Details galten auch in den folgenden Jahrzehnten als der Kontemplation abträglich; Ziel der Kunst war es, abstrakte Stimmungen zu erzeugen wie in der Musik. So erscheint die Forderung nach Unschärfe als romantisch verwurzelte Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit, in deutlicher Abgrenzung zur analytischen Präzision der Naturwissenschaften und zur Hektik der industrialisierten Moderne.

Es ist vor allem der Effekt des Weichzeichnens, der in der so genannten "bildmäßigen Fotografie", wie sie der Amerikaner Edward Steichen zum Anfang des 20. Jahrhunderts vertrat, romantische Stimmung erzeugen und dabei den Status der Fotografie als Kunst garantieren sollte. Das Leitmedium war immer noch die Malerei: Sich selbst porträtierte der Fotograf mit Pinsel und Palette vor einem in Rembrandt-Manier verdunkelten Hintergrund. Hier gelingt es Ullrich, eine gängige These zu modifizieren: Es ist eben nur die halbe Wahrheit, dass die Fotografie der Malerei die Naturnachahmung abnahm und letztere sich darum fast zwangsläufig der Abstraktion zuwenden musste. Auch die Fotografen folgten dem Trend zur Autonomisierung von Fläche und Form, auch sie sahen die entscheidende Herausforderung darin, das reine Abbild der Realität zu transzendieren.

Letztlich mussten die Weichzeichner-Fotografen in punkto Abstraktion natürlich doch der Malerei den Vortritt lassen - die sich später ihrerseits, wie im Werk von Gerhard Richter, sogar noch der fotografischen Unschärfe wieder bemächtigte. Dafür setzte die Neue Sachlichkeit in der Fotografie eine weitere Technik des Verwischens durch, die dies Mal nicht für Kontemplation und Rückzug, sondern für Dynamik und offensive Auseinandersetzung mit der großstädtischen Moderne stand: die Bewegungsunschärfe. Das möglichst aus ungewöhnlichen Perspektiven aufgenommene Auto und der Sportler im Spurt zogen gleichermaßen markante Bewegungslinien über das Bild wie die Landschaft, die neuerdings vor den Augen der Eisenbahnpassiere vorbei raste. Der Preis der Dynamik ist die Raumerfahrung: Mit den Konturen des bewegten Objektes verschwindet auch die Tiefe des Bildes.

Heute kombiniert die Gebrauchsfotografie der Medien nach Belieben alle historischen Varianten der Unschärfe. Während die hektischen Broker in der Börse in Bewegungsunschärfe verschwimmen, muss für Tamponreklame der Intimität verheißende Weichzeichner herhalten; Markenprodukte präsentiert die Werbung gern in erhabener Konturenlosigkeit. Anders als die im tiefsinnigen Dunkel gehaltene Unschärfe des 19. Jahrhunderts ist die des 21. allerdings eine der Überbelichtung: Weiß ist der Hintergrund zu den digital verwischten Gnocchi mit Rucola auf der Rezeptseite des gehobenen Frauenmagazins, leuchtend ist das Leben der im verwackelten Lomographie-Stil durch die Magazine hüpfenden jungen Schönheiten.

Schade nur, dass sich Wolfgang Ullrich am Ende von der aktuellen Unschärfeästhetik so überwältigt zeigt, dass er sich ihr nur mehr mit dem Label der "postmodernen Beliebigkeit" erwehren kann. Mit seiner Unterstellung einer allumfassenden Mafia der guten Laune, die Fotografen, Künstler und Bildredakteure im Kampf gegen alle Nachdenklichkeit und Tiefenschärfe vereine, zerstört Ullrich die Differenzierungsfähigkeit wieder, die er selbst so sorgfältig entwickelt hat.

Elke Buhr

 

(Frankfurter Rundschau vom 27. November 2002, Literaturbeilage)

 

 

Was wäre denn scharf?

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich sieht in der „Geschichte der Unschärfe“ die Flucht vor der Moderne

Niemand, der heute Zeitungen oder Zeitschriften aufschlägt, kann ihr entkommen: der Unschärfe. Massen von unscharfen Fotos, im redaktionellen Teil und in den Anzeigen, häufig ohne zwingenden Grund. Wiewohl alle das Phänomen sehen, scheint sich doch keiner darüber zu wundern, außer dem Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, der in seiner Geschichte der Unschärfe nun die naheliegende Frage stellt: „Warum können Bilder populär sein, auf denen kaum etwas zu erkennen ist?“

Das natürliche Wahrnehmungsphänomen alternder oder beschädigter Augen, Konturen oder Details nicht mehr scharf sehen zu können, sowie die Beeinträchtigung der Sicht durch Nebel, Dämmerung, Überstrahlung war für die Kunstgeschichte, um die es Ullrich zuerst geht, über Jahrhunderte kein Thema der Ästhetik. Allerdings verwendete Leonardo für die Fernwirkung von Landschaften sein berühmtes sfumato, Rembrandts Interieurs und Porträts kennen Unschärfe und extremen Schatten, die romantische Landschaftsmalerei schließlich liebte den Schleier von Nebel, Wolken, Dunst, Mondlicht, womit die Wirkung ihrer Gemälde die der viel beneideten Musik erreichen sollte.

Schon um 1800 wurde Unschärfe von einer lästigen Erscheinung getrübter Wahrnehmung zu einer ideologisch aufgeladenen Kategorie. Ihr prominentester Befürworter war Goethe, der seiner Fehlsichtigkeit nicht mit technischen Hilfsmitteln beikommen wollte, weil diese „keine sittliche Wirkung auf den Menschen“ hätten: „Sooft ich durch eine Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir selbst nicht; ich sehe mehr, als ich sehen sollte, die schärfer gesehene Welt harmoniert nicht mit meinem Innern…“ Bei Goethe, in dessen Dichtungen die Wörter „trüb“, „Wolken“, „Mond“, „Nebel“, „Abglanz“ bedeutsam schillern, ist diese Abneigung weit mehr als eine Marotte. Seinen Affekt gegen das Scharfsehen und die Reizüberflutung durch Detailreichtum wertet Ullrich wie bei den Romantikern auch als Affekt gegen die Zumutungen der Moderne.

Dringlicher stellte sich die Frage nach Schärfe oder Unschärfe mit dem Aufkommen des Maschinenwesens in der Abbildungstechnik, der Fotografie. Nicht zuletzt aus Konkurrenzgründen, doch auch aus ästhetischen Erwägungen verdammten traditionelle Künstler die angeblich handwerklich anspruchslose Art der Bildherstellung, ihre Oberflächlichkeit und Abhängigkeit vom Objekt, schließlich die gnadenlose Schärfe, die gerade bei Porträts unhöflich genau jeden Makel nachzeichne. Ullrich analysiert, wie die Fotografie im 19. Jahrhundert durch unterschiedliche Möglichkeiten der Unschärfe-Erzeugung sich den Vorwürfen zu entziehen und gleichzeitig durch Nachahmung von zeichnerischen Techniken sich an die Malerei anzunähern versuchte. Traditionelle Ikonografie zusammen mit Weichzeichner galten als probate Mittel.

Damals stellte allerdings schon die geniale Autodidaktin Julia Margaret Cameron die ketzerische Frage: „What is focus … and who has a right to say what focus is the legitimate focus?“ Von dieser postulierten Autonomie war das künstlerische Mittel der Unschärfe noch weit entfernt. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde der Weichzeichner mal als reaktionär bekämpft, dann die Bewegungsunschärfe von den Futuristen oder von Andreas Feininger gepriesen, die Wirkung von Dramatik, Authentizität oder die Aura des Geheimnisvollen diskutiert.

Nur in Sonderbereichen wurde die Unschärfe zu einem ehernen Gesetz: Ob um 1900 Geister und menschliche Gedanken fotografiert wurden oder heute Ufos und Außerirdische, keines der Beweisbilder ist scharf. Die Unschärfe bis an den Rand der Erkennbarkeit ist hier geradezu Ausweis für die ungeheure Schwierigkeit, übersinnliche oder außerirdische Phänomene auf Film zu bannen.

Ästhetik des Ausnahmezustands

Für Ullrich ist nun aber die Geschichte der Unschärfe keineswegs nur eine technischer oder ästhetischer Entwicklungen der Fotografie. Vielmehr stellt er ihre wechselnde Konjunktur seit 1900 in den Gesamtzusammenhang der Avantgarde-Bewegung und klassifiziert beide als „Ästhetik des Ausnahmezustands“; sie seien eine „Kriegserklärung an die gewohnte Welt“ und „eine Flucht vor der Moderne“. Dieses Argument wiederholt Ullrich in seiner sonst so konzisen, faktenreichen und erhellenden Darstellung fast ermüdend oft.

Auch an wenigen anderen Stellen – wenn er beispielsweise die Brille auf der Nase von Matisse nicht kommentiert oder Turners technische Sujets wie Eisenbahn und Dampfschiff übergeht, wenn er satirische und spielerische Elemente zu wenig berücksichtigt oder die Phase von den Dreißigern bis in die Sechziger plötzlich überspringt – ist die Argumentation nicht frei von Einseitigkeit. Man kann darin allerdings auch die Kehrseite von Ullrichs klarem Stil sehen, der ansonsten die Aufmerksamkeit des Lesers schärft, ihm ermöglicht – gerade auch durch die zahlreichen Bildbeigaben –, mitzudenken und nachzuschauen.

Unschärfe-Effekte zu erzeugen erlauben heute Bildbearbeitungstechniken beinahe jedermann, womit sich die ideologische Aufladung des Effekts deutlich verringert. Nach Ullrich gelang damit der Unschärfe wie dem Bild überhaupt ein Emanzipationsprozess: „Die große Menge von unscharfen Bildern ist das Zeichen ihrer Befreiung von hohen – oft verstiegenen – Ansprüchen.“ Auf diese Weise, behauptet er, sei es denkbar, dass es erstmals mehr unscharfe als scharfe Fotos gebe.

Eng damit verbunden ist ein prophetisches Element, das Ullrich offenbar nicht vorhersehen konnte, als er das Buch schrieb. Man kann seine These, der aktuelle Siegeszug der Unschärfe beruhe auf dem Siegeszug von Internet-Start-ups und der New Economy mit ihrem grenzenlosen Optimismus und Spieltrieb, aktuell überprüfen, denn die Zufriedenheit mit den bestehenden Zuständen wich der Angst. Schon vor dem 11. September geriet der ganze Neue Markt ins Trudeln, verwandelte sich die bunte Internet-Euphorie in Börsengrauen.

Stimmt Ullrichs These, müsste sich in diesen Krisenzeiten die Rückkehr scharfer Bilder bemerken lassen. Man könnte das mit Wittgenstein allerdings bedauern, der meinte: „Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe Bild nicht oft gerade das, was wir brauchen?“

Rolf-Bernhard Essig

(DIE ZEIT vom 30. Januar 2003)