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Interview mit Wolfgang Ullrich über sein Buch "Die Geschichte der Unschärfe" Wie kamen Sie darauf, sich mit dem Thema 'Unschärfe' zu beschäftigen? Mir fällt seit einigen Jahren auf, daß sehr viele Bilder in der Werbung, im Bildjournalismus sowie in der Kunst unscharf geworden sind. Gerade Lifestylezeitschriften, aber selbst schon banale Broschüren von den Stadtwerken oder vom Arbeitsamt gefallen sich darin, mit unscharfen Fotos ein bißchen Stimmung zu machen. Fungiert die Unschärfe immer als Stimmungsstimulator? Nein, das ist natürlich nur eine Funktion. Man muß zwischen unterschiedlichen Formen von Unschärfe unterscheiden. Weichzeichnung ist etwas ganz anderes als Bewegungsunschärfe, Überbelichtung hat nicht viel zu tun mit großgezoomten Pixeln. Oft geht es also etwa darum, Dynamik zu suggerieren oder Authentizität zu simulieren, oder man will den Betrachter mit Verfremdungseffekten amüsieren und verblüffen. Neu ist allerdings, daß verschiedene Arten von Unschärfe gerne miteinander kombiniert werden. Die digitalen Möglichkeiten der Bildbearbeitung machen sich hier bemerkbar. Wurden einzelne Unschärfe-Effekte denn früher nicht auch schon miteinander verbunden? Eigentlich nie. Deshalb ist es auch so interessant, die Geschichte der Unschärfe zu rekonstruieren - und nicht nur die Bilder der Gegenwart zu analysieren. Beispielsweise entstammen die Weichzeichner- und die Bewegungsunschärfe konträren geistigen Strömungen und waren schon deshalb unvereinbar. Weichzeichnung hieß lange Zeit, sich in eine sanftere Welt wegzuträumen, den Härten des Alltags, den Banalitäten von Großstadt und Technik zu entfliehen, sich in eine wärmere und stillere Welt zurückzusehnen. Insofern war sie Ausdruck eines sentimentalen, oft sogar eines zivilisationsfeindlichen und antimodernistischen Bewußtseins. Dagegen stand die Bewegungsunschärfe im Dienst technik- und fortschrittsbegeisterter Tendenzen, war ein Bekenntnis zu Geschwindigkeit und Moderne. Sprechen Sie von den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts? Ja, vor allem. Die Weichzeichnung besitzt aber noch eine längere Tradition. Als ästhetisches Ideal findet man sie bereits in der Romantik, also noch vor Entwicklung der Fotografie. Sie ist in gewisser Weise die älteste Form von Unschärfe. Aber gibt es nicht viel früher schon Leonardos Sfumato und verschwimmende Konturen bei Vermeer oder Velazquez? Das stimmt. Doch würde ich hier nicht von Unschärfe sprechen, da man sonst begrifflich ungenau würde. Immerhin handelt es sich in früheren Jahrhunderten um ganz andere mentalitätsgeschichtliche Zusammenhänge; erst ab dem frühen 19. Jahrhundert wird die Weichzeichnung zu einem bewußten Stilmittel, um eine bestimmte - eben jene zivilisationskritische - Welthaltung auszudrücken. Man könnte also von der Geburt der Unschärfe aus dem Geist der Entfremdung sprechen. Wenn hingegen bei Vermeer die Konturen nicht eigens betont sind, dann hat das vor allem auch technische Gründe: Bekanntlich arbeitete Vermeer mit einer Camera Obscura oder speziellen Linsen, mit denen er seine Sujets auf den Bildgrund projizierte. Auch andere Maler gingen so vor. Um so überraschender ist eigentlich, daß sie die Linse offenbar nie so einstellten, da§ richtig unscharfe Bilder entstanden. Das zeigt, daß wirkliche Weichzeichnung oder gar Unschärfe vor dem 19. Jahrhundert kein Thema war - keine ästhetisch relevante Alternative. Ihr Begriff von Unschärfe ist somit stark durch ideengeschichtliche Entwicklungen definiert? Ja, auf jeden Fall. Mich interessiert, wie sich ein Denken oder eine Weltanschauung ästhetisch niederschlägt, welches Formklima daraus jeweils entsteht. Und an der Unschärfe ist so spannend, daß einzelne ihrer Ausprägungen zuerst im Dienst unterschiedlicher Geistesströmungen standen, heute aber auf einmal vereinbar sind. Das zeigt, daß sich alte Weltbilder aufgelöst haben. Man mag die Pluralität von Unschärfe-Effekten als Zeichen der Postmoderne deuten, aber relevanter scheint mir zu sein, daß die Verbindung verschiedener 'Unschärfen' Bildwirkungen ermöglicht, die gut in die heutige Zeit passen. Können Sie da ein Beispiel geben? Kommen etwa Weichzeichnung, Bewegungsunschärfe und eine leichte Überbelichtung zusammen, dann erscheint das Sujet flauschig, flott und freundlich zugleich. Kein Wunder, daß die Fitneß- und Wellness-Kultur zu einem bevorzugten Ort unscharfer Bilder geworden ist. Auch die Werbung kann ihre verheißungsvollen Botschaften sehr gut mit einer solchen Wohlfühl-Ästhetik transportieren. So hat sich die Unschärfe, verkürzt gesagt, innerhalb eines Jahrhunderts von einem Stilmittel kulturkritischen Ressentiments zu einem Effekt gewandelt, der völliges Einverständnis mit der herrschenden Wirklichkeit signalisieren soll. Ich spreche in meinem Buch von einer Ästhetik der Sieger der Gesellschaft. Gerade diese Entwicklung macht die Geschichte der Unschärfe so spannend, zumal es kaum ein anderes Stilmittel geben dürfte, das mentalitätsgeschichtliche Prozesse ähnlich gut spiegelt. Wenn Sie Bilder von ihren zeitgeistigen oder auch ideologischen Hintergründen her untersuchen, dann unterscheiden Sie wohl nicht eigens zwischen Bildern der Kunst und Bildern des Journalismus bzw. der Werbung? So ist es. Mich beschäftigt nicht die Grenze von 'high' und 'low', sondern für mich gibt es höchstens unterschiedlich interessante Bilder. 'Interessant' im Sinne von 'aussagekräftig hinsichtlich der formulierten Welthaltung'. Daher fasziniert mich die Art und Weise, wie heutzutage Gerichte in Kochbüchern fotografiert werden, genauso wie eine Seelandschaft von William Turner. Und oft sind es Details an Bildern, die viel offenbaren - gerade auch an nicht-professionellen Bildern. Der Kultur- oder Bildwissenschaftler in mir ist also stärker als der Kunsthistoriker. Wenn Sie so sehr die ideen- und kulturgeschichlichen Zusammenhänge betonen, müßten Sie sich ja etwa auch für Parallelen zwischen der UnschŠrfe als ästhetischem Mittel und der Unschärferelation in der Physik interessieren? Nein. Auf keinen Fall. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, vielmehr handelt es sich hier um eine Homonymie bzw. im Fall der Physik um einen metaphorischen Gebrauch des Worts 'Unschärfe'. Da irgendwelche Verbindungen konstruieren zu wollen, wäre absurd: Naturwissenschaftliche Theorien sind kein Ausdruck einer Weltanschauung, jedes Bild hingegen ist dies sehr wohl. So gibt es keine kommunistische oder katholische Physik, aber durchaus Bildsprachen, die typisch für den Kommunismus oder beliebt im Katholizismus sind. Haben Sie eigentlich ein unscharfes Lieblingsbild? Nein (lacht). Ich habe das Buch nicht etwa geschrieben, weil ich unscharfe Bilder lieber mag als scharfe. Ich finde nur, daß in der Gegenwart Unschräfe komplexer und interessanter verwendet wird als Schräfe - und daß es endlich an der Zeit war, dieses Phänomen zu untersuchen und auch in seiner Geschichte zu betrachten. Ursprünglich kam ich zu dem Thema sogar, weil mich die vielen unscharfen Bilder störten, die ich auf einmal überall sah. Der erste Impuls war Argwohn: Was soll denn das? Ist das nicht nur billige Effekthascherei? Der einfachste Weg, ein bißchen Aura zu erzeugen? - Das waren die Fragen, die ich mir zu Beginn stellte. Nach und nach lernte ich dann zu differenzieren. Inzwischen habe ich auch einige unscharfe Bilder lieb gewonnen, aber so, wie man etwas lieb gewinnt, mit dem man Zeit verbracht hat und von dem man weiß, daß es nun schon bald zur Vergangenheit des eigenen Lebens gehören wird. Das Thema ist für Sie also abgeschlossen? Vermutlich schon. Ich schreibe ein Buch immer, um eine Faszination, eine Unruhe abzuarbeiten. Das ist nun passiert. Was 'beunruhigt' Sie als Nächstes? Vieles! Haben Sie noch etwas Geduld. |